Negatives Eigenkapital im Jahresabschluss – was tun?

1. Wann liegt ein negatives Eigenkapital vor?

Nach § 225 des Unternehmensgesetzbuches – UGB liegt ein negatives Eigenkapital dann vor, wenn in der Bilanz die Position „Eigenkapital“ einen negativen Betrag ausweist.

Was zählt zum Eigenkapital?

Zum Eigenkapital zählen das Nennkapital (Stammkapital), Kapitalrücklagen, Gewinnrücklagen und der Bilanzgewinn/-verlust (das sind kumulierte Gewinne/Verluste abzüglich Gewinnausschüttungen der Vergangenheit, zuzüglich Auflösung von Rücklagen).

Das bilanzielle Eigenkapital

Zum bilanziellen Eigenkapital sind unversteuerte Rücklagen oder Investitionszuschüsse, die auf der Passivseite der Bilanz oft in einem eigenen Posten ausgewiesen werden, nicht (!) zu rechnen.

Ist das Eigenkapital negativ,  liegt eine „buchmäßige“ Überschuldung vor und es ist im Anhang zum Jahresabschluss zu erläutern, ob eine Überschuldung im Sinne des Insolvenzrechtes vorliegt, die gegebenenfalls den Geschäftsführer zur Stellung eines Insolvenzantrages verpflichten würde.

Negatives Eigenkapital: Meldung der Insolvenz

Der Geschäftsführer ist verpflichtet, ohne schuldhaftes Zögern, spätestens aber 60 Tage nach Eintritt des Insolvenztatbestandes (Zahlungsunfähigkeit oder reale Überschuldung), einen Insolvenzantrag zu stellen, widrigenfalls der Geschäftsführer persönlich wegen schuldhafter Insolvenzverschleppung zur Verantwortung gezogen wird.

2. Möglichkeiten zur Vermeidung der buchmäßigen Überschuldung

Durch geeignete Bilanzierungsmaßnahmen kann es in bestimmten Fällen gelingen, eine buchmäßige Überschuldung und damit die Erläuterungspflicht im Anhang zu vermeiden. Solche legale Maßnahmen können insbesondere sein:

  • Nutzung von Bewertungswahlrechten (z.B. Inventur, Finanzanlagen);
  • Ausschöpfung von Aktivierungswahlrechten (z.B. geringwertige Wirtschaftsgüter, aktive latente Steuern);
  • Überprüfung von Abschreibungsdauern und Zuschreibungsmöglichkeiten;
  • Sale und lease back-Transaktionen vor dem Bilanzstichtag.

3. Prüfung der insolvenzrechtlichen Überschuldung

Lässt sich die bilanzielle Überschuldung nicht vermeiden, ist die Frage, ob eine insolvenzrechtliche Überschuldung vorliegt, nach einer zweistufigen Prüfungsmethode zu beurteilen:

Aufstellen einer „Überschuldungsbilanz“

Dabei sind alle Aktiva und Passiva der Kapitalgesellschaft nach dem Gesichtspunkt eines fiktiven Verkaufes bzw. einer Liquidation zu erfassen:

  • Sogenannte „Stille Reserven“ in den Aktivwerten (z.B. eine Liegenschaft ist mehr wert als ihr Buchwert),
  • aber auch Verpflichtungen, die bei Fortführung des Unternehmens nicht sofort anfallen würden (z.B. Abfertigungsansprüche, Schließungskosten), sind aufzudecken,
  • Steuereffekte sind zu berücksichtigen.

In diesem Zusammenhang ist auch nach Maßnahmen zu fragen, die diesen Vermögensstatus verbessern können, wie insbesondere:

  • Zuschuss von frischem Eigenkapital;
  • Schuldennachlass von Gesellschaftern oder sonstigen Gläubigern;
  • Nachrangigstellen von Gesellschafterdarlehen;
  • Harte Patronatserklärung von Gesellschaftern oder anderen Personen.

Vor allem das Nachrangigstellen von Darlehen (das leichter fällt als die Zuführung von neuem Kapital) kann in vielen Fällen helfen.

„Nachrangig“ bedeutet insbesondere, dass eine Befriedigung im Insolvenzfall erst nach allen anderen Gläubigern erfolgen darf (Rangrücktritt). Das Nachrangigstellen ändert nichts an der buchmäßigen Überschuldung (weiter Ausweis als Verbindlichkeit), die Verbindlichkeit kann aber im Überschuldungsstatus außer Ansatz bleiben.

Aufstellen einer Fortbestehensprognose

Im Rahmen dieses zweiten Prüfungsschrittes ist zu beurteilen, ob das Unternehmen in Zukunft mit überwiegender Wahrscheinlichkeit seine geschäftlichen Aktivitäten unter Einhaltung seiner Zahlungsverpflichtungen fortführen kann. Dazu gehört eine ausführliche Analyseder Verlustursachen, eine realistische Beurteilung der Zukunftsaussichten und die Einbeziehung der Auswirkungen geplanter Sanierungsmaßnahmen, wie z.B. Personal- und/oder Lagerabbau, Laufzeitänderungen im Finanzierungsbereich, Kostensenkungsprogramme.

Für einen „Primärprognosezeitraum“ (in der Regel 12 Monate ab dem Bilanzstichtag) sind wichtige Faktoren:

  • Eine integrierte Planung (Planbilanz, Plan Gewinn- und Verlustrechnung, Finanzplan);
  • Schwerpunkt auf Finanzplanung und „Working Capital“;
  • Verbale Erläuterung von Prämissen, Risiken und Unsicherheiten;
  • Eventuell die Darstellung mehrerer Szenarien;
  • Der Nachweis von Kapitalmaßnahmen und / oder Kreditlinien.

Für den „Sekundärprognosezeitraum“ (im Regelfall 3 Jahre) geht es

  • neben der Darlegung plausibler und nachvollziehbarer Annahmen über den weiteren Geschäftsverlauf
  • vor allem um die Darstellung des „turn around“, einer nachhaltigen Trendumkehr.

4. Wann liegt nun eine „insolvenzrechtliche“ Überschuldung vor?

Erst wenn beide Prüfschritte zu einem negativen Ergebnis führen, liegt eine insolvenzrechtliche Überschuldung (und negatives Eigenkapital) vor. Ist Ihr Unternehmen in einer Krise? Kontaktieren Sie unsere Experten für Unternehmens-Sanierungs- und -Finanzierung

Die Prüfungsschritte sind grundsätzlich unabhängig voneinander, und es besteht daher keine bestimmte Prüfungsreihenfolge. Liegt also bei einem Unternehmen negatives Eigenkapital auf, ist es gleich, mit welcher ‚Insolvenz-Prüfung‘ begonnen wird. Folglich genügt auch nur ein Prüfungsschritt, wenn dieser bereits ein positives Ergebnis bringt.

5. Erläuterung im Anhang bei negativem Eigenkapital

Die Erläuterung bei negativem buchmäßigem Eigenkapital, warum keine insolvenzrechtliche Überschuldung vorliegt, muss aussagekräftig sein und zumindest auf Wertansätze, geplante Maßnahmen oder das Ergebnis der durchgeführten Planrechnungen eingehen.

Details darüber sind nicht notwendigerweise im Anhang darzulegen (Stichwort: Veröffentlichung!), es kann auf geeignete im Unternehmen aufliegende Unterlagen (z.B.  Schätzgutachten, Rangrücktrittsvereinbarungen) verwiesen werden. Inhaltsleere oder gänzlich unbestimmte Floskeln wie „Eine insolvenzrechtliche Überschuldung liegt nicht vor, weil im Unternehmen stille Reserven vorhanden sind.“ schützen im Ernstfall (Insolvenz) sicher nicht vor Diskussionen über eine Haftung der Geschäftsführer.

6. Ähnliche Verpflichtungen für den Geschäftsführer: § 36 GmbH Gesetz

Nach § 36 GmbHG ist vom Geschäftsführer eine außerordentliche (a.o.) Generalversammlung insbesondere dann einzuberufen, wenn

  • die Hälfte des Stammkapitals verlorengegangen ist (d.h., das buchmäßige Eigenkapital ist geringer als das halbe Stammkapital oder sogar negativ), oder
  • die Eigenmittelquote weniger als 8 % und die fiktive Schuldentilgungsdauer mehr als 15 Jahre betragen (beide Begriffe und Definitionen sind im Unternehmensreorganisationsgesetz – URG verankert).

Beide Tatbestände können unabhängig voneinander vorliegen und sind getrennt zu beurteilen.

Pflichten des Geschäftsführers bei Insolvenz

Auch wenn die Bestimmungen und Haftungsfolgen des URG grundsätzlich nur für prüfungspflichtige Unternehmen gelten, gelten diese Bestimmungen für alle, auch kleine GmbH, also unabhängig von Größe oder Prüfungspflicht. Die Regelungen sind nicht nur beim Jahresabschluss, sondern auch unterjährig zu beachten. Voraussetzung für das rechtzeitige Erkennen ist also ein geeignetes internes Kontrollsystem.

Ziel dieser Bestimmung ist es, die Gesellschafter rechtzeitig zu informieren, um zeitnah allfällige Gegenmaßnahmen zur Insolvenzvermeidung setzen zu können. Die nach Vorliegen eines der Tatbestände unverzüglich (Maximalfrist 6 Wochen) einberufene a.o. Generalversammlung hat nur 1x stattzufinden, wenn die Kennzahl(en) erstmalig erreicht bzw. nicht erreicht wurden. Gibt es im Unternehmen mehrere Geschäftsführer, ist jeder zur Einberufung allein berechtigt und verpflichtet. Die Gesellschafter können (einvernehmlich) auf die Abhaltung der Generalversammlung verzichten. Machen sie das nicht, hat der Geschäftsführer Vorschläge zur Beseitigung
der negativen Kennzahlen, bzw. zur Sanierung des Unternehmens zu unterbreiten. Kommt es zu Gesellschafterbeschlüssen (dazu besteht aber keine Verpflichtung), dann sind diese Beschlüsse dem Firmenbuchgericht mitzuteilen.

Die Experten der WTS unterstützen Sie im Zusammenhang mit Unternehmenskrisen insbesondere in folgenden Bereichen:

  • Einrichtung eines internen Kontrollsystems, das den Anforderungen des Unternehmens entspricht;
  • Verbesserung der Unternehmenssteuerung, z.B. durch Etablierung eines Soll-Ist-Vergleiches in der laufenden Buchhaltung;
  • Darlegung von geeigneten Bilanzierungsmaßnahmen zur Verbesserung der Bilanzstruktur bzw. von Bilanzkennzahlen;
  • Vermeidung von Steuerfallen bei Sanierungsmaßnahmen;
  • Ausarbeitung eines Überschuldungsstatus, z.B. unterjährig und nicht erst zum Bilanzstichtag;
  • Bewertung von Unternehmensbeteiligungen;
  • Überprüfung der Formulierung einer Rangrücktrittsvereinbarung;
  • Überprüfung der Formulierung von Patronatserklärungen;
  • Aufstellung einer kurz- und mittelfristigen Fortbestehensprognose, sog. Primär- und Sekundärprognose;
  • Restrukturierungs- und Sanierungsberatung;
  • Berechnung der Auswirkungen von Sanierungsmaßnahmen; insbesondere unter Berücksichtigung negativer Steuereffekte;
  • Unterstützung beim Aufbereiten von Unterlagen im Zusammenhang mit einem Insolvenzantrag.

Was tun bei negativen Eigenkapital?

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